Kapitel 5, Was ich liebe, Teil 2

24 Mai

Wir schließen direkt am Ende der letzten Szene an!

 

Sobald sie im Taxi saßen, ließ Erik sich tief in den Sitz sinken, legte den Kopf auf der Lehne ab und schloss die Augen.

Vincent hoffte, dass Erik soweit in Ordnung war und nannte dem Fahrer Isabelles Adresse. Dann tastete er nach seinem Handy. Schließlich fand er es in der Innentasche seiner Jacke. Er tippte Elenas Nummer und musste nur zwei Freizeichen abwarten, ehe sie abhob.

„Wo ist Vic?“, fragte Vincent sofort.

„Keine Ahnung“, hörte er Elena über den Lärm der Party hinweg schreien. „Hier ist sie nicht, aber ich glaube, sie hat uns durchschaut, sie scheint wütend zu sein.“

Vincent sah, wie Erik bei geschlossenen Augen vor sich hin grinste, als er Elenas Stimme hörte. Wieso mussten diese Teenager immer so schrecklich verliebt sein?

„Vincent, wo ist Erik?“, rief sie nun. „Hast du ihn?“

Doch Vincent hatte schon aufgelegt. „Man darf ihr nichts anvertrauen. Ihr Bewusstsein ist so durchlässig wie ein Sieb“, brummte er, während er sein Handy wieder verstaute. „Bringst du ihr gar nichts bei?“

Doch Erik ignorierte ihn und grinste weiter selig vor sich hin. Vincent schnaubte und wandte sich ab. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend, Erik mit geschlossenen Augen, Vincent nervös aus dem Fenster starrend. Zu gern hätte er gewusst, was Erik jetzt dachte, doch da dieser sein Armband, das sie verband, nicht trug, gab es dazu keine Möglichkeit. Und auch mit Armband hätte es wohl keine gegeben, dachte Vincent frustriert. Das, was Elena so dringend noch zu lernen hatte, beherrschte Erik perfekt: Sich selbst abzuschirmen, sodass er Vincents Gedanken nicht mitbekam, aber auch nichts von sich selbst preisgab. Was gut war, das wusste Vincent. Aber trotzdem manchmal recht ärgerlich.

Schließlich hielt das Taxi vor dem Haus. Die Party schien noch immer in vollem Gange zu sein, und Vincent beugte sich über Erik zum Fenster. Er überlegte. Sie konnten Elena anrufen, sodass sie zu ihnen herauskommen würde. Allerdings bestand dann die Gefahr, dass sie in all dem emotionalen Durcheinander die Kontrolle über ihre Gedanken verlor, was Vic, falls sie sich in der Nähe aufhielt, genug Zeit verschaffen würde, noch rechtzeitig aufzukreuzen. Sie mussten also hineingehen, sich Elena möglichst unbemerkt nähern und ihr schnellstmöglich die Kette abnehmen – die hatte jetzt, wo der Plan erfüllt war, vorerst sowieso keine Funktion mehr. Doch zusammen konnten sie nicht hinein, da konnte er Quirin Rehmer gleich persönlich bitten, ihm einen Holzpfahl ins Herz zu rammen.

„Wir sollten uns nicht trennen“, stellte er schließlich fest. „Aber vor diesem Quirin sollten wir uns wohl kaum gemeinsam zeigen.“

„Ich kann ja im Taxi warten“, meinte Erik, der noch müder wirkte als zuvor. Außerdem hatte die geschwollene Seite seines Gesichts begonnen, eine bläuliche Färbung anzunehmen. Vincent machte sich Sorgen um ihn. Er überlegte kurz. „Nein“, sagte er dann. „Vic ist nicht hier, aber falls sie kommt, solltest du nicht allein hier draußen sein. Du gehst rein und holst Elena.“

„So?“, fragte Erik ungläubig und deutete auf sich selbst. Vincent betrachtete ihn. Sein T-Shirt war voller Blut, und sein Hals auch.

„Zieh meine Jacke an“, sagte er deshalb, während er sie auszog. „Mach den Reißverschluss zu und stell den Kragen hoch.“

Erik tat wie geheißen, blickte dann jedoch verlegen drein. „Wie, äh, sehe ich aus?“, fragte er dann.

Vincent grinste. „Ramponiert“, meinte er dann, „aber sexy.“

Sie kletterten aus dem Taxi, wo Vincent an den Kotflügel gelehnt scheinbar lässig stehen blieb, doch in Wirklichkeit waren all seine Sinne geschärft. Ihm würde nichts entgehen. Er sah Erik nach, der die Stufen zur Haustür hinauf sprang, fast beschwingt. Vincent wusste, dass er Vic auf der Stelle töten würde, falls sie jetzt versuchen würde, ihm irgendetwas zu tun. Und er wusste auch, dass es nicht gut sein konnte, dass er das sogar jetzt noch fühlte, obwohl er eiskalt war, tot, ohne Herzschlag, ganz das Raubtier, das er war. Wenn er am Leben bleiben wollte, musste er hart sein, hart und unabhängig. Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen, sie waren so zerbrechlich. Und doch, während er sah, wie die Tür sich öffnete und Erik verschluckte, als er die Anspannung spürte, die sich seiner bemächtigte, wusste er, dass Erik der Bruder war, den er nie gehabt hatte, oder vielleicht auch einfach nur eine bessere Version von ihm selbst, die ihm zeigte, wer er hätte sein können, wäre er nicht Victoria Cavendish begegnet.

Er wusste, dass er sein eigenes Ich zurückhaben wollte. Doch Erik war der Preis für sein menschliches Leben. Was sollte er nur tun, um sich selbst zu retten?

*****

Sobald Erik drinnen war, sah er sich um. Das Haus war brechend voll, die Musik dröhnte, Menschen tanzten, redeten, sangen, tranken aus Plastikbechern. Es würde schwer genug werden, Elena zu finden, und noch schwerer, das zu schaffen, bevor sie ihn erspähte. Er sah, dass die Treppe, die nach oben führte, als allgemeine Sitzgelegenheit genutzt wurde und dass die Party offensichtlich im Obergeschoss weiterging. Aber es war unwahrscheinlich, dass Elena oben war – sie wusste schließlich, dass sie im Zweifelsfall schnell hier herauskommen mussten.

Direkt im Flur war sie nicht. Und auch in der Küche, in die Erik einen raschen Blick warf, konnte er sie nicht ausmachen. Blieb also nur noch das Wohnzimmer. Vorsichtig schlängelte Erik sich durch ein Grüppchen, das neben der Tür stand und sah hinein. In der Mitte hatte man Sofa und Sessel weggeschoben und eine behelfsmäßige Tanzfläche eingerichtet. Überall am Rand standen Menschen mit Plastikbechern oder Bierflaschen in den Händen und redeten miteinander.

Und da sah er sie: Sie stand in einer Ecke, zusammen mit Jess und Isabelle, das Gesicht ihm zugewandt, hatte ihn aber noch nicht gesehen. Erik spürte, wie eine Welle des Glücks in ihm anstieg, sobald er sie erblickte. Am liebsten wäre er direkt zu ihr gelaufen und hätte sie in die Arme geschlossen, doch er hielt sich zurück. Zuerst musste er sie beide sicher hier wieder heraus bringen.

Um nicht gesehen zu werden, drückte Erik sich hinter mehreren anderen Grüppchen an der Wand entlang, sodass er sich nicht in Elenas Sichtfeld bewegte. Dann schlängelte er sich hinter Isabelles Rücken vorbei, sodass er hinter Elena auftauchte. Sobald er da stand, erblickte ihn Jess, die Elena gegenüber mit der Musik mitwippte.

„Erik!“, rief sie aus. In dem Moment ging alles ganz schnell. Elena fuhr herum, er umfasste sie, so als wollte er sie in die Arme schließen, doch griff er dabei nach der Kette, die sie um den Hals trug und die über ihr T-Shirt gerutscht war, und riss sie ab. Reflexartig fasste Elena an die Stelle, wo der Anhänger einen Moment zuvor noch gelegen hatte, und sah ihn unsicher an. „Ich bin’s“, flüsterte er ihr ins Ohr, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte Jess. Elena drehte sich wieder zu ihren Freundinnen um, während Erik sie weiterhin umklammerte. Er konnte sie ganz einfach nicht mehr loslassen.

„Gestolpert“, murmelte Erik. Isabelle blickte ihn prüfend an. „Oh“, rief sie dann aus, „Da ist Quirin endlich, mit den Getränken!“ Er stand im Türrahmen und blickte suchend umher. Isabelle winkte ihn zu sich. Erik sah einen jungen Mann mit rotem Haar auf sie zukommen. Sie mussten hier weg.

„Wir sind gleich wieder da“, sagte Elena hastig in die Runde, fasste Eriks Hand und zog ihn mit sich. „Quirin darf dich nicht sehen“, raunte sie ihm zu. „Er erkennt den Unterschied.“

Sobald sie außer Sichtweite im Flur waren, schlugen sie sich so schnell sie konnten zur Haustür durch. Erik spürte, wie sein Herz in einer Mischung aus Angst und Glück bis zum Hals schlug.

„Warte“, sagte er, als Elena die Hand auf die Klinke legte.

„Was ist?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn. Er zog sie zu sich heran und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Dann küsste er sie.

******

Noch immer lehnte Vincent am Kotflügel des Taxis und wartete. Die Straße war jetzt leer und dunkel; nur vor dem Haus, in dem die Party gut hörbar noch in vollem Gange war, brannte Licht. Obwohl er nur ein T-Shirt trug, da er Erik seine Jacke gegeben hatte, fror er nicht. Ohne auch nur einmal zu blinzeln starrte er auf die Eingangtür, durch die Erik und Elena jeden Moment herauskommen mussten.

Vincent hörte, wie der Taxifahrer, der geduldig wartete, seine Zeitung umblätterte. Für einen winzigen Moment war er abgelenkt. Und da war sie. Vincent war so überrascht, dass er überhaupt nicht reagierte. Vor ihm, kaum einen halben Meter entfernt, stand Vic. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht, und sie wirkte wie eine Erscheinung, wie ein Produkt seiner Fantasie. Sie wirkte so klein und verletzlich, wie er sie seit 1756 nicht mehr gesehen hatte. Ihr Haar fiel ihr offen über die Schultern und umrahmte ihr Gesicht. Sie trug kein Make-up und nichts als verwaschene Jeans und ein Blümchen-Unterhemd. Ihre nackten Füße steckten in abgetragenen Ballerinas und die Tatsache, dass sich auf ihren nackten Armen bereits eine Gänsehaut gebildet hatte, verriet, dass sie heute Nacht ihrer Menschlichkeit nachgegeben hatte. Ihre großen, grauen Augen blickten ihn durchdringend an.

„Du weißt, dass ich ihm nichts getan hätte, oder?“, fragte sie. Und als er noch immer nicht reagierte, sondern sie nur anstarrte mit Augen kalt wie Granit, fügte sie hinzu, fast flehentlich: „Dass ich dir niemals, niemals wehtun würde?“

Vincent spürte, dass er ihr glauben wollte, um jeden Preis, dass er das Gefühl zulassen wollte. Doch irgendwo in seinem Hirn kam die Erkenntnis zutage, dass es sich hierbei wahrscheinlich um einen neuen Trick handelte, und dass sie ihn töten würde, sobald er zuließ, dass sein Panzer aus Gefühllosigkeit geknackt wurde. Voller Panik registrierte er, dass die Kontrolle ihm zu entgleiten drohte und die Härte begann, sich aufzulösen. Er kämpfte dagegen an, während Vic ihn weiter unverwandt anstarrte. Sie hatte es bemerkt. Sie wusste, dass er verwundbar war. Sie würde ihn töten, hier und jetzt.

Doch etwas anderes geschah: Vic verschwand genauso plötzlich ins Nichts, wie sie kurz zuvor erschienen war.

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Kapitel 5, Was ich liebe, Teil 1

21 Mai

Wir erinnern uns: Erik hat auf Vincents Handy angerufen, der daraufhin die Party verlassen hat….

 

Sobald er draußen auf der Straße stand, blickte Vincent sich um. Niemand war hier, bis auf die lärmenden Partygäste im Hauseingang. Er hoffte, dass Elena die Lage im Griff hatte, doch nun galt es vor allem, sich zu konzentrieren und schnell zu sein. Er lief einige Straßen weiter und verbarg sich in einem dunklen Hauseingang. Dort holte er sein Handy aus der Jackentasche und suchte die Nummer des letzten Anrufers heraus. Es war eine Londoner Nummer; Erik war also glücklicherweise nicht allzu weit weg. Die Nummer war ziemlich lang, was dafür sprach, dass die Ziffern am Ende zur direkten Durchwahl des Zimmers gehörten, von dem Erik aus angerufen hatte.

Vincent wählte die Nummer, ließ aber die letzten zwei Ziffern weg, in der Hoffnung, so an der Rezeption zu landen. Stattdessen informierte ihn aber nur eine Tonbandstimme darüber, dass diese Nummer nicht existierte. Vincent fluchte. Dann versuchte er es noch einmal und wählte die Nummer ohne die letzten drei Ziffern. Ein Freizeichen ertönte. Dann ein zweites. Ein drittes.

Heb ab!, dachte Vincent

„Comfort Hotel King’s Cross, was kann ich für sie tun?“, meldete sich die Stimme eines Rezeptionisten.

King’s Cross! Das war gar nicht so weit; in seinem Tempo würde er in wenigen Minuten dort sein. Während er bereits zu laufen begonnen hatte, fragte er noch: „Wie ist Ihre Adresse?“

„Pentonville Road“, antwortete der Rezeptionist. „Kennen Sie den Weg?“

Doch da hatte Vincent bereits aufgelegt. So schnell er konnte, lief er durch weniger befahrene Straßen, wo die Wahrscheinlichkeit, gesehen zu werden, geringer war als auf der Hauptstraße. Auf diese Weise durchquerte er halb Islington, und obwohl er so schnell war, dass Passanten ihn noch nicht einmal wahrnahmen, begann er zu fürchten, dass er zu spät kommen würde. Vielleicht hatte Vic mittlerweile bemerkt, dass er unterwegs war zu Erik und war umgekehrt. Als er endlich die große Kreuzung bei der U-Bahnstation Angel erreicht hatte, bog er auf die Pentonville Road ein und lief Richtung Westen, direkt auf King’s Cross Station zu. Als er so weit gelaufen war, dass er den Bahnhof schon fast sehen konnte, das Hotel aber noch immer nicht gefunden hatte, begann er sich zu fragen, ob er daran vorbei gelaufen war. Doch da sah er das Comfort Hotel direkt vor sich auf der linken Straßenseite. Es befand sich in einer Wohnhausreihe, sodass es ohne die kleine Flagge, die es als Hotel kennzeichnete, überhaupt nicht aufgefallen wäre. Die Eingangstür, die bei einem Wohnhaus nicht anders ausgesehen hätte, wurde von zwei Buchsbäumen in Kugelform gesäumt. Vincent riss die Tür auf und befand sich im Eingangsbereich des Hotels, der, genau wie das Haus selbst, mehr an ein Wohnhaus als an ein Hotel erinnerte. In der Ecke links neben der Tür stand ein Sessel, und an der kleinen Rezeption, die sich am anderen Ende des Raumes befand, saß ein schlaksiger Braunhaariger, der Vincent durch seine Brille fragend anblickte.

„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“, fragte er. Blitzschnell, sodass die Augen des Mannes die Bewegung unmöglich hätten wahrnehmen können, war Vincent bei ihm. Er drehte den Kopf des Mannes zur Seite und schlug seine Zähne in dessen Hals. Er musste sich stärken mit frischem Blut. Sobald er spürte, dass die Glieder des Mannes erschlafften, blickte er ihm tief in die Augen, sagte: „Du vergisst dass ich jemals hier war.“ Und damit stürmte er durch die kleine Holztür, in die ein Fenster aus Plexiglas eingefasst war, in die Gänge des Hotels. Er rannte die Treppe nach unten, die so eng und verwinkelt war, dass er gebückt laufen musste um sich nicht anzustoßen.

Vincent lief den Flur im Keller entlang, musste jedoch feststellen, dass er so nichts hören konnte. Deshalb verlangsamte er seinen Schritt und lauschte, während er auf dem schrecklichen Teppichboden entlang schlich. Er hoffte, dass Vic nicht doch irgendwo hier auf ihn wartete; falls sie versuchen würde, ihn daran zu hindern, Erik zu befreien, konnte er nicht für sich selbst garantieren, und das obwohl es doch so wichtig war, Erik sicher hier raus zu bringen.

Die ersten drei Zimmer waren leer, das wusste Vincent sicher. Er konnte es hören und riechen. Als er am vierten vorbeikam, hörte er, dass sich darin mindestens zwei Personen bewegten, und es roch nach Menschen. Also konnte es nur noch das fünfte Zimmer sein, ganz hinten auf dem Gang.

Vincent blieb vor der Tür stehen und lauschte. Er konnte gar nichts hören, doch er konnte ihn riechen – es roch nach dem Parfum, das Erik benutzte und nach dem Waschmittel, mit dem sie ihre Sachen wuschen. Aber Vincent war auf der Hut – konnte Vic auch hier sein? Doch nichts deutete darauf hin. Nichts war zu hören, und auch wenn sie sich reglos irgendwo aufhielt und nicht atmete, war es doch unwahrscheinlich, dass sie sich unbemerkt irgendwo hier versteckte. Was bedeutete, dass die Zeit drängte, denn sie würde sicher bald herausgefunden haben, was ablief. Energisch verpasste Vincent der Tür einen Tritt mit dem rechten Fuß und inmitten des splitternden Holzes flog die Tür aus den Angeln.

Sobald sich der Staub gelegt hatte, bot sich Vincent ein Überblick über die Lage. Genau vor ihm, in der Mitte des Zimmers, neben dem Bett, stand ein Stuhl, auf dem Erik saß – an den Händen gefesselt, über und über voll mit Blut, das von einer verheilenden Bisswunde am Hals zu stammen schien, und mit einer verschwollenen Gesichtshälfte, wo ihn wohl mehrere Schläge erwischt hatten.

Ein Ausdruck der Panik flackerte über Eriks Gesicht, bis er Vincent erkannte. Der Anblick versetzte Vincent einen Stich. Das alles war seine Schuld, seine und Vics. Und da war noch etwas anderes, ein seltsames Gefühl, ähnlich einem Déjà-vu – es war, als sehe er sich selbst in der Verletzlichkeit, die Erik ausstrahlte.

Doch er schüttelte das Gefühl ab. Er musste alle seine Sinne beieinander haben. Mit einem Satz war er bei Erik, in Sekundenschnelle hatte er die Fesseln gelöst.

„Bist du okay?“, fragte er währenddessen.

„Glaube schon“, antwortete Erik mit einem leichten Lispeln. Seine Wange war geschwollen.

„Wir müssen hier raus“, erklärte Vincent, „und zwar so schnell wie möglich.“

Mit diesen Worten packte er Erik und warf ihn sich wie einen Sack über die Schulter, verließ das Zimmer, stand im Flur, in der Lobby, war draußen, in der nächsten Seitenstraße. Dort ließ er sich und Erik zu Boden fallen, wo sie beide keuchend und an eine Hauswand gelehnt auf dem Gehweg sitzen blieben. Erik murmelte etwas davon, dass ihm schwindelig sei.

„Du wurdest gerettet, was willst du?“, meinte Vincent und grinste.

Doch Eriks Gesicht verdunkelte sich. „Du hättest wissen müssen, dass das passiert“, brachte er wütend hervor. „Dass Vic kommen würde! Du hast mich allein in einem Haus gelassen, das vollkommen ungeschützt ist! Jeder Vampir dieser Welt kann einfach so hereinspazieren, da es keinem Menschen gehört, der ihn hereinbeten müsste!“

Vincent zog die Augenbrauen nach oben. „Beschwerst du dich gerade?“, fragte er dann, teils ungläubig, teils drohend.

„Ja!“, brauste Erik auf. „Ja, ich beschwere mich!“

„Du bist ein Vampirjäger, Erik! Und kein schlechter, um das mal hinzuzufügen. Es ist nicht meine Aufgabe, auf dich aufzupassen!“, rief Vincent und sprang auf.

„Ich habe zu langsam reagiert“, gab Erik schließlich zu, nachdem sie eine Weile beide wütend ins Dunkel gestarrt hatten. „Ich habe sie nicht gleich erkannt. Ich dachte – “

Er blickte zu Vincent auf, der an der Bordsteinkante stand und mit der Fußspitze mit einer leeren Coladose herumspielte, die im Rinnstein lag.

„Vielleicht könnten wir darüber nachdenken, die Souterrainwohnung auf dich zu überschreiben“, schlug Vincent plötzlich vor, ohne zu Erik hinüber zu sehen. „Dann wärst du vor allen Vampiren sicher, die du nicht hereingebeten hast.“

„Klingt okay“, meinte Erik, der ein Grinsen unterdrücken musste. Langsam richtete er sich auf, immer mit der Handfläche an der Hauswand, da er noch nicht sicher war, ob er frei stehen konnte.

Sie blickten sich an.

„Ich gehe ein Taxi suchen“, meinte Vincent schließlich.

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Kapitel 4, Die Wahl, Teil 3

14 Mai

Und jetzt wieder die Party…

„Danke euch!“, rief Jess. „Das Foto ist super geworden!“

Während Elena ein wenig von Vincent abrückte, drehte Jess die Kamera um und hielt ihr das Display hin. Elena betrachtete das Foto: Niemand, auch kein Vampirjäger, würde Vincents Tarnung durchschauen – sie sahen so sehr nach einem echten Pärchen aus, Vincents Arme um sie gelegt, sein offenes Lachen in die Kamera, und ihr eigener leicht verschämter Blick. Sie wirkten, als gehörten sie zusammen.

Noch während Elena auf das Bild blickte, spürte sie, wie ihr schlagartig schlecht wurde. Sie schnappte nach Luft und würgte. In einem Reflex packte sie Vincents Arm, um sich aufrecht zu halten.

„Was ist los?“, fragte Jess, alarmiert.

„Nichts“, warf Vincent hastig ein. „Sie hatte zu viel Wodka.“ Und mit diesen Worten führte er Elena mit festem Griff nach draußen auf den Flur, wo sie sich in eine ruhige Ecke hinter der Treppe zurückzogen. Elena ließ sich an der Wand zu Boden sinken. Ihr war noch immer schlecht, doch während sie sich eben noch so gefühlt hatte, als müsse sie sich augenblicklich übergeben, war es nun mehr ein beständiges, dumpfes Gefühl.

„Was ist los?“, zischte Vincent, der sich über sie beugte. Elena konnte nicht sehen, ob er besorgt oder verärgert dreinblickte.

„Das Foto“, stammelte Elena.

„Was ist damit?“, fragte Vincent ungeduldig, als sie nicht fortfuhr.

„Auf einmal dachte ich, als ich uns gesehen habe – ich weiß nicht, was ich dachte – ich war durcheinander, und dann…“

Vincent sah sie perplex an. „Das gehört doch alles zum Plan“, sagte er zu ihr, als sei sie begriffsstutzig. „Das weißt du doch!“

„Ich weiß! Aber trotzdem! Es erschien in dem Moment so – falsch! Und dann konnte ich das Gefühl nicht mehr abschütteln!“, rief Elena, und dann, mit geweiteten Augen: „Sie weiß es! Vincent, sie weiß es! Sie hat es geglaubt!“

„Vic?“, fragte Vincent ungläubig.

„Ja! Das Gefühl ist von ihr! Deshalb legt es sich nicht! Sie glaubt – sie glaubt eben irgendetwas. Irgendetwas, das sie verrückt macht!“

Vincent schwieg. Dann schlug er mit der Faust gegen die Wand, so fest, dass ein Teil des Putzes abbröckelte und auf Elena herabrieselte.

„Was tust du da?“, rief Elena erschrocken.

„Ich hab sie!“, stieß Vincent hervor, während er seine Hand, die offenbar keinen weiteren Schaden genommen hatte, ausschüttelte. „Sie kommt uns suchen.“

„Woher willst du das wissen?“, warf Elena ein, während sie sich langsam aufrichtete, sich dabei aber noch an der Wand abstützte. Die Übelkeit hatte zwar nachgelassen, aber sie spürte Aufruhr in sich. Allzu gern hätte sie versucht, sich vor dem Gefühl zu verschließen, doch sie wusste, dass gerade jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war, die Verbindung zu Vic abzublocken.

„Ich weiß es einfach“, erwiderte Vincent. „Kannst du in ihre Gedanken eindringen und herausfinden, wo Erik ist?“, fragte er dann.

„Dann verliere ich die Kontrolle über meine eigenen Gedanken und sie weiß alles, was ich denke“, antwortete Elena.

Vincent fluchte leise. „Dachte ich mir fast“, sagte er dann.

„Was tun wir jetzt?“, fragte Elena.

„Warten“, antwortete Vincent, und in seiner Stimme lag etwas, das Elena Angst einjagte. Er blickte sich um mit einem wilden Blick. Noch immer befanden sie sich in der Ecke unter der Treppe, über die ständig Menschen nach oben oder unten liefen. Die Haustür ging immer wieder auf und zu, während einige Betrunkene die Party bereits verließen und neue Gäste erschienen. Durch die Hintertür, die sich direkt neben der Nische bei der Treppe befand, kam in dem Moment ein Grüppchen Raucher herein, das sich zuvor im Innenhof aufgehalten hatte. Vincent zog Elena an der Hand zu sich und sie schlossen sich den Rauchern an.

„Was tust du?“, raunte Elena ihm zu.

„Wir mischen uns wieder unter die Partygäste. Vic wird schon auftauchen. Wenn sie kommt, schnappe ich sie mir.“

„Ich dachte, der Plan ist, Erik zu befreien und nicht, Vic zu fangen!“, protestierte Elena, während sie von Vincent auf die Tanzfläche gezerrt wurde, die in der Mitte des Wohnzimmers entstanden war.

„Wenn wir wüssten, wo er ist, könnten wir das auch. Da wir es aber nicht wissen…“

Sie standen sich gegenüber, inmitten der Anderen, die tanzten, grölten, fröhlich waren.

„Wieso müssen wir dieses Theater weiter spielen?“, stieß Elena schließlich hervor. Sie war angespannt und hatte Angst; wieso konnten sie nicht irgendetwas tun?

„Siehst du Isabelle da drüben, wie sie im Türrahmen lehnt? Deswegen – um den Anschein zu erwecken, alles ist okay. Und um dich zu beschäftigen, damit dich deine Gedanken nicht verraten“, gab Vincent unbeeindruckt zurück und fasste sie an den Händen, damit sie wenigstens ein wenig so aussahen, als tanzten sie.

„Ich habe das Gefühl, Vic versucht, meine Gedanken zu lesen“, sagte Elena plötzlich. Sie wusste nicht, wieso sie das wusste, es war ganz einfach so.

„Wird Zeit, dass du endlich mal lernst, das zu kontrollieren“, knurrte Vincent.

Elena hatte gerade den Mund geöffnet, um ihm eine wütende Antwort zu geben, als Vincent plötzlich in der Bewegung inne hielt und in seine Hosentasche griff. Er holte sein Handy heraus und Elena erhaschte einen Blick auf das Display; es war eine lange Nummer, die Vincent offenbar nicht eingespeichert hatte. Mit gerunzelter Stirn drückte er auf den grünen Hörer und meldete sich.

Trotz des unglaublichen Lärms wusste Elena bei dem Ausdruck, den sie auf Vincents Gesicht ablesen konnte augenblicklich, dass es Erik war. Sofort presste sie sich so eng sie konnte an Vincent, um hören zu können, was gesagt wurde.

„VINCENT! Ich hab keine Ahnung wo ich bin, ich hab das Armband nicht an, Victoria hat es mir abgerissen! Du musst mich hier raus holen, sofort!“

„Wo bist du?“, rief Vincent.

„Was? Ich hör dich nicht! Rede lauter!“, hörte Elena Eriks Stimme. Sie wollte Vincent das Telefon entreißen und mit ihm sprechen, doch sie spannte ihren Körper an und biss die Zähne zusammen. Sie durfte nicht zu emotional werden. Dann würde sie die Kontrolle verlieren und wer wusste, was dann alles zu Vic durchdrang, die ja schließlich jeden Moment hier aufkreuzen musste.

„WO BIST DU?“ brüllte Vincent. Elena sah sich hastig um; die Musik war so laut, dass niemand es bemerkt hatte.

„Keine Ahnung“, hörte Elena Erik sagen. „Es sieht aus wie ein Hotel, ich bin in einem Zimmer.“ Und dann erregte etwas ganz anderes ihre Aufmerksamkeit: Sie sah, wie Isabelle, die die ganze Zeit über lässig im Türrahmen gelehnt hatte, zu ihnen hinüber sah und dann, als sie Elenas Blick bemerkte, hastig wegschaute. Elena hörte Vincent sagen „Ich glaube, ich hab’s.“

Doch in dem Moment hatte sie sich schon von ihm gelöst und begonnen, auf Isabelle zuzugehen, die gerade ihr Handy gezückt hatte und dabei war, eine Nummer zu wählen. Sie wollte gerade abheben, als Elena bei ihr ankam.

Gespielt übermütig riss sie ihr das Handy aus der Hand. „Ein Foto von uns!“, rief sie und legte den Arm um Isabelle, die erschrocken dreinblickte, dann aber aufgesetzt lächelte. Elena hielt Isabelles Handy mit dem ausgestreckten rechten Arm, sodass sie ein Foto von ihnen beiden machen konnte. Sie grinsten beide in die Kamera, es blitzte.

„Holst du für uns beide noch was zu trinken?“, fragte Elena dann. „Und für Jess?“

„Wo ist Jess überhaupt?“, wandte Isabelle mit gerunzelter Stirn ein.

„Du holst Getränke, ich suche Jess“, schlug Elena vor.

Isabelle sah zwar nicht überzeugt aus, protestierte aber nicht.

„Gut“, erwiderte Elena nur und hastete mit Isabelles Handy in der Hand hinaus, so tuend als höre sie Isabelle nicht, als sie ihr nachrief: „Elena! Mein Handy!“

Sobald Elena auf dem Flur war, wurde sie am Handgelenk gepackt und in eine Ecke gezerrt.

„Vincent!“, keuchte sie. Sie spürte, dass er sich eiskalt und hart anfühlte. Sein Blick war starrer als sie ihn kannte, und er war jetzt ganz das gefährliche Raubtier ohne menschliche Züge.

„Gut gemacht“, sagte er. „Du musst sie weiter ablenken, damit sie nicht mit Vic kommuniziert.“

„Weißt du, wo Erik ist?“, fragte Elena hastig.

„Ja.“

„Und? Was tust du dann noch hier?“, rief Elena. Doch sie wusste, was er dachte: Erik oder Vic. Wenn er jetzt zuerst nach Erik suchte, würde Vic vielleicht wieder entwischen, und wer wusste schon, wann sich wieder eine Chance bieten würde, sie vor sich zu haben. Doch wenn er blieb, würde er vielleicht die einzige Chance vertun, Erik zu befreien, denn man konnte auch nicht wissen, ob es ihnen gelingen würde, Vic zu überwältigen und Erik anschließend zu befreien. Vielleicht würde sie entwischen und Erik an einen Ort bringen, wo sich ihnen keine zweite Befreiungschance bieten würde.

Ein Zucken lief über Vincents Gesicht. Einerseits wollte Elena ihn anschreien, ihm sagen, dass er ein Vollidiot war. Andererseits wollte sie die Hand nach ihm ausstrecken und ihm sagen, dass er das richtige tun würde.

Doch in dem Moment war er schon weg.

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Kapitel 4, Die Wahl, Teil 2

10 Mai

Wir sind immer noch bei Erik…

Erik ertastete die Tasten präzise genau, bevor er sie drückte; dadurch, dass er den Stuhl nur hatte rückwärts vor das Telefon schieben können, sah er das Zifferblatt nicht. Er schob den Hörer von der Gabel und das Freizeichen ertönte.

Erik hielt den Atem an. Hatte er die richtige Nummer eingetippt? Er durfte sich einfach nicht verwählt haben! Er zählte die Freizeichen. Eins. Zwei. Drei. Wo war er? Vier. Fünf. Sechs. Verdammt! Sieben. Er muss das doch hören! Acht. Klick. Im ersten Moment hörte es sich an, als sei die Verbindung unterbrochen worden. Doch dann:

„Hallo? “, hörte Erik Vincents Stimme,

„VINCENT! Ich hab keine Ahnung wo ich bin, ich hab das Armband nicht an, Victoria hat es mir abgerissen! Du musst mich hier raus holen, sofort!“

Vincent erwiderte etwas, aber im Hintergrund war so laute Musik zu hören, dass Erik kein Wort von dem verstand, das Vincent sagte. Wo war er bloß? Dass der Hörer sich nicht an Eriks Ohr befand, sondern auf dem Nachttisch lag, wo er ihn mit seinen gefesselten Händen nicht erreichen konnte, erleichterte sie Sache keineswegs.

„Was? Ich hör dich nicht! Rede lauter!“, rief Erik und hoffte, dass keiner der möglichen Zimmernachbarn ihn hören konnte.

„WO BIST DU?“ hörte man Vincent durch den Hörer brüllen.

„Keine Ahnung. Es sieht aus wie ein Hotel, ich bin in einem Zimmer. Bestimmt Keller, hat nur ein kleines Fenster oben an der Wand. Aber keine Ahnung wo und wie es heißt! Der Teppich ist rot-grün, wenn dir das was sagt.“

Vincent fragte irgendetwas mit Hotelname und Briefbögen, das Erik akustisch nicht mehr verstand. Er vermutete nur, dass Vincent wollte, dass er nach Briefpapier suchte, auf das der Hotelnamen aufgedruckt war.

„Hier ist nichts! Vincent, so teuer sieht’s nicht aus! Mehr wie eine Bruchbude! Du musst es selbst finden!“

Vincent sagte irgendetwas und dann „Ich glaube, ich hab’s.“

Und dann schien er weg zu sein.

Erik starrte in den Raum. Ernüchterung machte sich in ihm breit. Wusste Vincent, wo er nach ihm suchen musste? Am besten, er positionierte sich wieder wie zuvor, falls Victoria auftauchte. Mit all seinem Geschick gelang es ihm, den Hörer wieder auf die Gabel zu schieben. Dann schob Erik sich mitsamt Stuhl wieder dorthin, wo Victoria ihn zurückgelassen hatte, um ihr Misstrauen nicht unnötig zu wecken, falls sie zurückkam.

Vorwärts ging es einfacher. Zwar langsam, aber es ging. Als Erik es endlich geschafft hatte, blieb er vollkommen erschöpft in der Zimmermitte unbeweglich auf dem Stuhl sitzen. Und das Warten begann. Seine Handgelenke brannten immer noch höllisch, und er glaubte mittlerweile zu spüren, wie Blut über seine Hände rann. Die Wunde an seinem Hals schien aber nicht mehr offen zu sein; Erik spürte getrocknetes Blut auf der Haut. Immer und immer wieder ging Erik den Moment in Gedanken durch, in dem Vic ihn getäuscht, indem er sie für Elena gehalten hatte. Er wusste nicht, auf wen er eigentlich so wütend war, auf sich selbst und seine Unachtsamkeit, auf Vincent, der durch sein Zögern Victorias Flucht aus dem Hotel ermöglicht hatte oder einfach nur auf Victoria selbst, die ihm das alles angetan hatte. Er spürte nur diesen unendlichen Zorn in sich aufsteigen, der sich mit Frust mischte. Frust darüber, dass er Victoria nicht gewachsen gewesen war. Darüber, dass ihm hiermit auf dem Silbertablett serviert wurde, was er scheinbar alles nicht konnte, auch wenn er sich für einen noch so guten Jäger gehalten haben mochte. Das Einzige, worin Erik sich sicher sein konnte war, dass er nicht wütend auf Elena war. Sie wusste nicht, dass sie Vincent durch alles, was sie in dem Gefecht mit Victoria gesagt hatte, mehr beeinflusst hatte als sie sich jemals hatte vorstellen können. Und er wusste auch, dass sie Victorias Tod nicht einfach in Kauf nehmen konnte. So gefährlich Victoria Cavendish auch war, sie war Elenas Original und diese Verbindung allein reichte dazu aus, dass Elena sie zu retten versuchen würde, was auch immer geschah. Erik erinnerte sich an die Nacht, in der Vincent ihm erklärt hatte, was es wirklich bedeutete, ein Protegé zu sein – dass man all sein Blut dafür geben musste, um seinem Original die Rückverwandlung zu ermöglichen.

„Warum erzählst du mir das?“, hatte er Vincent gefragt, unsicher, ob er wütend werden oder Angst bekommen sollte.

„Damit du es weißt. Und weil es nicht mehr wichtig ist“, hatte Vincent geantwortet. Sie hatten geschwiegen, beide ihren Gedanken nachhängend, bis Erik schließlich seinen Blick vom Boden gelöst und Vincent direkt angesehen hatte. „Das soll ich glauben? Ich dachte, du wolltest dein menschliches Leben zurück?“, hatte er gefragt.

„Will ich auch, und ich würde dafür fast jeden Preis zahlen. Aber nicht dein Leben.“

Vincent hatte ihn angesehen, doch sein Blick war unergründlich gewesen.

„Warum?“, hatte Erik gefragt.

„Weil nach 274 Jahren auf dieser Welt du das einzige bist, was mir bleibt.“

Erik wusste, dass das stimmte, doch es hatte ihn überrascht und auch ein wenig erschreckt, dass Vincent den Gedanken nicht nur zugelassen, sondern sogar ausgesprochen hatte. Und er wusste auch, dass für ihn selbst dasselbe galt: Sie waren füreinander alles, was ihnen geblieben war. Er, der Vampirjäger, der wie seine Vorfahren sein Leben lang ausgebildet worden war, um diesen einen Vampir zu jagen und zu töten, und Vincent, der seit dem achtzehnten Jahrhundert alle Vampirjäger der Familie van der Meer-Alderink zum Narren gehalten hatte. Sie sollten Todfeinde sein, und stattdessen waren sie fast so etwas wie Brüder geworden.

Erik konnte nur hoffen, dass das sie heute Nacht retten würde.

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Kapitel 4, Die Wahl, Teil 1

7 Mai

Was ist eigentlich aus Erik geworden…?

 

Erik kam zu sich. Seine Hände fühlten sich immer noch taub an, seine Arme schmerzten und sein Gesicht brannte. Dieses Mal brauchte er nicht lange, bis er sich orientiert hatte. Victoria schien wieder weg zu sein. Erik musste aus diesem Zimmer herauskommen, wenn er auch noch nicht wusste, wie. Sein Kopf dröhnte und seine Wange brannte – beides wahrscheinlich Folgen der Kopfnuss, die Victoria ihm wenig früher verpasst hatte. Sie hatte so wild, aufgebracht und unberechenbar gewirkt, dass er ihr am liebsten nicht noch einmal begegnen wollte.

Er hatte genug von Victoria für die nächste Zeit, so viel war klar. Erik begann, sich über Vincent zu ärgern, der ihn daran gehindert hatte, dieses Monster einfach zu erledigen. Stattdessen hatte Vincent sich beeinflussen lassen und deswegen saß er, Erik, jetzt seit einiger Zeit gefesselt in einem Hotelzimmer wo auch immer, in das jederzeit ein jähzorniger, mordlüsterner Vampir zurückkehren konnte. Das einzige, was Erik beruhigte, war, dass Victoria nicht vorzuhaben schien, ihn zu töten. Sonst hätte sie das schon längst getan. Vielleicht lag ihr ja sogar noch etwas an Vincent, und dann würde sie Erik ohnehin nicht umbringen. Der Gedanke stimmte ihn etwas ruhiger; vielleicht konnte er sich jetzt erst einmal darauf konzentrieren, wie er aus diesem verdammten Zimmer entkommen konnte.

Durch das, was er von seinem Vater gelernt hatte, hätte Erik sich mit Leichtigkeit von Seilfesseln befreien können. Doch solche Vampirjägertechniken hatte Victoria eindeutig bedacht, denn so, wie es sich anfühlte, waren seine Hände mit Stahldrähten am Stuhl festgebunden. Das würde schmerzhaft werden. Theoretisch musste es nach dem gleichen Prinzip möglich sein, sich aus Draht zu befreien wie aus jedem anderen Material, doch man brauchte einen viel stärkeren Willen, wenn das feine Seil sich beim Herauswinden noch tiefer in die Haut rieb. Erik begann, die Arme zu drehen und stöhnte sofort auf, als ein stechender Schmerz seine Handgelenke durchfuhr. Einen solchen Schmerz hatte er selten gespürt, nicht beim Fecht-Training mit seinem Vater, bei dem er des Öfteren Striemen davonegtragen hatte und auch nicht beim Speer-Training, in dem seine Mutter ihn unterrichtet hatte. Erik erinnerte sich jedoch an einen Zwischenfall, bei dem seine Haut ähnlich gebrannt zu haben schien: Als er in Amsterdam vom Training nach Hause gekommen war, das brennende Haus vorgefunden und versucht hatte, seine Eltern aus den lodernden Flammen zu retten. Dabei war ein Holzbalken in der Eingangshalle genau hinter ihm zu Boden gekracht, hatte ihn an der Hüfte gestreift und eine Brandwunde hinterlassen, die wochenlang nicht zu heilen schien und danach die heute noch immer sichtbare Narbe hinterlassen hatte. Doch all das war kein Vergleich zu dem Schmerz, der ihn jetzt durchfuhr. Denn damals waren seine Eltern gestorben, und der Schmerz auf seiner brennenden Haut hatte sich in seinem ganzen Körper ausgebreitet, so als müsse auch er sterben, so sehr hatten sein Körper und seine Seele aufgeschrien. Verglichen damit musste es ein Kinderspiel sein, sich aus diesen Fesseln hier zu winden.

Er musste vielleicht zuerst versuchen, seine Beine zu befreien. Zu seinem Glück bemerkte Erik, dass die Fußfesseln so gebunden waren, dass sich zwischen Haut und Draht seine Strümpfe befanden. Das erleichterte die Prozedur wenigstens ein bisschen. Nach kurzer Zeit gelang es ihm, sich aus den Fesseln heraus zu winden. Jetzt die Hände. Als er jedoch den Kopf drehte, um einen Blick auf seine Handgelenke zu erhaschen, die ihm dermaßen weh taten, dass er nicht wusste, ob er es tatsächlich schaffen konnte, sich zu befreien, da sah er auf dem Nachttisch eines dieser typischen Hoteltelefone stehen. Das war seine Rettung, das wusste Erik. Nur wie sollte er es erreichen, geschweige denn bedienen?

Mit den frei gewordenen Füßen versuchte er, den Stuhl so zu bewegen, dass er zwischen Bett und Wand an den Nachttisch und so auch an das Telefon gelangen konnte. Und es musste schnell gehen. Victoria konnte jeden Augenblick zurücksein, er wusste ja nicht einmal genau, wie lange sie schon weg war. Er musste Vincent anrufen und ihm sagen, wo er war. Das war die einzige Möglichkeit, hier schnell und ohne weitere Blessuren herauszukommen. Vincent hatte sicher schon bemerkt, dass Erik verschwunden war. Er wusste zwar nicht, welcher Tag gerade war. Doch dass er schon mindestens seit vierundzwanzig Stunden in diesem Zimmer gefangen sein musste war ihm klar. Denn Victoria war nachts bei ihm aufgetaucht, doch als er vor wenigen Stunden hier aufgewacht war und bemerkt hatte, dass er ein Gefangener war war, war Tageslicht durch die kleinen Fenster ins Zimmer gedrungen. Jetzt jedoch dämmerte es bereits wieder. Vincent war mit Sicherheit mittlerweile misstrauisch geworden. Dass die Verbindung zwischen ihnen durch das fehlende Armband abgebrochen war, dürfte ihn nicht irritiert haben, denn Erik legte es öfter ab, wenn er wütend war oder allein sein wollte. Wahrscheinlich hatte er ihm aber schon mindestens eine Nachricht geschickt um zu fragen, wo er sich aufhielt. Beim Gedanken an sein iPhone, das in seiner Wohnung lag, fiel Erik ein, dass der Fernseher wahrscheinlich noch lief, und dass die mittlerweile wohl vollkommen verkohlte Pizza sich möglicherweise auch noch im Ofen befand. Hoffentlich war dadurch noch nicht das ganze Haus abgefackelt worden. Andererseits war Vincent durch all diese Hinweise hoffentlich klar, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Nun jedoch galt es, Vincent irgendwie mitzuteilen, wo er sich befand. Erik spürte, wie das Adrenalin in seinem Körper pulsierte. Obwohl seine Hände immer noch gefesselt waren, wusste er jetzt, wie er sich helfen konnte. Mühevoll schaffte er es, sein Gewicht auf seine Füße zu verlagern, doch er konnte sich nicht gerade aufrichten, da seine Arme noch immer an die Lehne des Stuhls gefesselt waren. Mühsam gelang es ihm, sich mitsamt dem Stuhl bis vor das Telefon zu schieben. Voller Euphorie bewegte er den Stuhl Stück für Stück auf das Telefon zu. Als er jedoch angekommen war, wurde ihm klar, dass er das Telefon so nicht bedienen konnte: Mit den Füßen würde er das Telefon auf dem Nachttisch niemals erreichen können. So hoch konnte er sie gar nicht anheben. Was nun? Konzentrier dich, dachte Erik. Er konnte versuchen, sich mit dem Rücken zum Telefon zu platzieren und dann mit den Fingern wählen. Das schien ihm die beste Möglichkeit zu sein. Also versuchte er, den Stuhl um 180 Grad zu drehen. Diese Aufgabe erwies sich aber als schwieriger, als er gedacht hatte, denn das Bett stand so nah an der Wand, dass der Stuhl zwar gerade dazwischen passte, sich beim Drehen aber zwischen Bett und Zimmerwand verkeilte und blockierte.

„Ah, Mist“, fluchte er. Er musste den Stuhl zurückdrehen und zurück in die Mitte des Zimmers gelangen, wo er sich würde drehen können. Die Beine taten ihm mittlerweile auch weh; einfach und bequem war es nicht, gefesselt einen Stuhl rückwärts durch einen schmalen Gang im Zimmer zu bewegen. In der Zimmermitte angelangt, schaffte Erik es, den Stuhl um die eigene Achse zu drehen. Nun jedoch musste er den Stuhl rückwärts zwischen Bett und Wand auf den Nachttisch zu schieben; rückwärts war so viel anstrengender und schwieriger als vorwärts! Aber er musste es schaffen, und er würde es auch schaffen. Erik hatte genug Kampfes- und Überlebenswillen, um diese Aufgabe zu meistern.

Am Tisch angelangt, musste er seine Beine ein wenig strecken, sodass der Stuhl sich vom Boden abheben ließ und er mit den gefesselten Händen das Telefon erreichen konnte. Er tastete mit den Fingen das Ziffernblatt ab, und überlegte ganz genau, wie er jetzt spiegelverkehrt und blind die Nummer eintippen musste. Auf keinen Fall durfte er sich verwählen, denn wie er den Gabelumschalter erreichen sollte um ein erneutes Freizeichen zu erreichen, darüber wollte er erst gar nicht nachdenken.

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Kapitel 3, Blutige Rache, Teil 3

3 Mai

Die Party kann beginnen….

Das Haus war berstend voll mit Leuten, die Elena größtenteils unbekannt waren. Sobald sie und Vincent die drei Stufen zum Eingang hinaufgestiegen waren, war die Haustür aufgeflogen und Isabelle hatte sie hereingebeten, strahlend übers ganze Gesicht.

„Fängt ja erfolgversprechend an“, murmelte Vincent so leise, dass nur Elena ihn hören konnte, und trat über die Schwelle.

Sobald sie drinnen waren, umgab sie laute Musik, und überall standen Menschen herum, tranken aus Plastikbechern, redeten, tanzten, lachten.

„Wer sind die ganzen Leute?“, fragte Elena Isabelle mit gerunzelter Stirn. In der Küche stand ein Grüppchen bestehend aus Mädchen ganz in schwarz, mit Piercings im Gesicht und schwarz bemalten Lippen. Im Wohnzimmer war die Couch belagert von einer Gruppe Jungs in Skateroutfits, die Elena noch nie gesehen hatte.

„Freunde“, meinte Isabelle nur schulterzuckend und seltsam abwesend. Überhaupt war alles an ihr seltsam: Sie trug ein luftiges, weißes Kleid, das ihr bis auf die Knöchel reichte, jedoch Schultern und Arme frei ließ. Ihr Haar trug sie offen, nur zusammengehalten von einem Stoffband, auf das ein Blumenmuster aufgestickt war. Sie erschien, als sei sie einem Traum entsprungen oder schlafwandle.

Elena warf Vincent einen fragenden Blick zu.

„Vic“, hauchte er tonlos. „Ist Quirin auch da?“, fragte er dann Isabelle, und Elena spürte ein Stechen, als sie hörte, wie sehr er nach Erik klang. Sie hatte die beiden immer ganz einfach auseinander halten können; obwohl sie sich glichen, war Erik doch immer Erik. Doch nun wurde ihr klar, wie zerbrechlich dieser Eindruck doch war. Vincent imitierte Erik nahezu perfekt; außer ihr konnte sicher niemand erkennen, dass die Art, zu sprechen, zu betonen, sich zu bewegen, nicht wirklich Eriks war, sondern nur Vincents Imitation seiner zweiten Ausgabe.

„Quirin kommt später“, antwortete Isabelle auf die Frage.

„Wäre schön, ihn kennen zu lernen“, meinte Vincent, während Elena gequält lächelte.

„Elena!“, rief da Jess, die sich aus einer Gruppe löste. Sie kam auf sie zu, verlangsamte ihren Schritt jedoch, als sie Vincent erblickte. Elena erinnerte sich, dass Vincent ihr Gedächtnis manipuliert hatte, sodass sie nun glaubte, Erik geküsst zu haben. Während Jess nun auf sie zukam, unsicher von Elena zu Vincent, den sie für Erik hielt, blickend und offenbar mit sich ringend, was sie nun tun sollte, warf Elena Vincent einen drohenden Blick zu.

Vincent schnaubte, murmelte jedoch etwas, das Elena als „okay“ interpretierte.

„Jess“, sagte er, „sieh mich an.“

Zögerlich löste Jess den Blick von Elena, nachdem diese ihr ermutigend zugenickt hatte. Sobald sie Vincent ansah, schien ihr Blick an ihn gefesselt.

„Du vergisst, dass besagte Nacht jemals stattgefunden hat“, befahl Vincent mit leiser, aber fester Stimme.

Fasziniert beobachtete Elena, wie Jess zuerst gar nicht reagierte, sich dann zu schütteln schien und plötzlich herzlich lächelte. Alle Befangenheit war verflogen. Sie erinnerte sich an nichts.

„Geht doch“, murmelte Vincent, offenbar entnervt und wandte sich ab.

„Wo gehst du hin?“, verlangte Elena zu wissen.

***

Vincent war betrunken, das wusste er. Es wäre sicher verantwortungsbewusster, wenn er nüchtern geblieben wäre und all seine Sinne beieinander gehalten hätte. Er wusste, dass sein ganzer Plan auf tönernen Füßen stand. Alles hing davon ab, dass Vic tatsächlich noch genug an ihm lag, dass sie überhaupt reagieren würde auf seine Provokation. Und natürlich, dass sie ihn nicht umbringen wollte. Doch je mehr Zeit verging, je länger er sich auf dieser albernen Teenager-Party herumtrieb, desto stärker wurden seine Zweifel. War er ein naiver Idiot gewesen, der es einfach nicht glauben wollte, dass er eine skrupellose Mörderin liebte? Wahrscheinlich würde sie bald genug haben von dem Spiel und Erik einfach umbringen. Und dann würde er selbst auch sterben, das wusste Vincent, denn wenn einen Protegé ein übernatürlicher Tod ereilte, starb schließlich auch das Original.

Je stärker diese Überzeugung in Vincent geworden war, desto mehr hatte er getrunken, einen weißen Plastikbecher voll schlechtem Wodka nach dem anderen. Denn wenn er schon von ihr getötet wurde, dann wollte er es wenigstens nicht so genau mitkriegen.

Er befand sich inmitten einer Gruppe, die im Wohnzimmer tanzte; die Musik dröhnte, der Boden wackelte, und wo war überhaupt Elena? Vincent erspähte sie am Rand des Raumes, an die Wand gelehnt, dicht neben der Tür, wo sie missmutig in die Menge blickte und in irgendein Gespräch mit Jess vertieft war. Er sollte besser auf sie aufpassen. Sie war sein einziges Faustpfand. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen, irgendetwas als wichtig zu empfinden.

Warum lebten sie noch, er und Erik? Es konnte doch eigentlich nur zwei Gründe geben. Entweder, Vic wollte sie gar nicht töten, und hatte einen noch perfideren Plan. Oder aber sie konnte es nicht. Was unmöglich war. Sie war ihm gegenüber gleichgültig. Erik zu töten um ihn selbst aus dem Weg zu haben sah ihr nur ähnlich.

Aber was, wenn es doch die Möglichkeit gab, dass sie noch Gefühle übrig hatte? Vincent wagte kaum, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Doch ihm war klar, dass alles davon abhing, dass es so war. Wenn er nicht daran glauben konnte, dann hatte er schon sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Doch vorausgesetzt, diese Chance existierte – was konnte er tun, um Erik und sich selbst zu retten?

Er sah zu Elena hinüber, die jetzt allein dastand und verloren in seine Richtung starrte. Manchmal tat oder sagte sie Dinge, die sie wie Vic erscheinen ließen. Meistens aber nicht. Sie waren zu unterschiedlich. Wenn man allerdings betrunken genug war, konnte man das fast vergessen. Und da kam ihm eine Idee. Er musste es einfach wissen. Er trank den Plastikbecher mit einem Schluck leer, zerknüllte ihn und warf ihn auf den Boden. Dann ging er auf sie zu.

Elena sah, wie Vincent die tanzenden Menschen beiseite schob und sich einen Weg auf sie zu bahnte. Was hatte er nun wieder vor? Zuerst hatte sie ihm fast geglaubt, dass sein Plan Hand und Fuß hatte, doch irgendwann waren ihr doch Zweifel gekommen – spätestens, als ihr klar wurde, dass Vincent betrunken inmitten einer Menge Leute, die zwei Jahrhunderte jünger waren als er, zu Punk-Rock tanzte. Sie fragte sich allmählich ernsthaft, wie es ihm überhaupt gelungen war, all die Jahre am Leben zu bleiben und seinen Widersachern zu trotzen.

Quirin war mittlerweile eingetroffen, und Isabelle hatte ihn Elena freudestrahlend vorgestellt. Er war größer als die Mädchen, doch kleiner als Erik und Vincent, hatte sehr kurz geschnittenes, rotbraunes Haar und kluge Augen, die hinter einer zerkratzen, runden Brille mit Drahtgestell hervorblickten. Obwohl er sehr jung wirkte für einen, der Vampire jagte, lag etwas in seinem Blick, das Elena verriet, dass mit ihm nicht zu spaßen war.

Quirin also war hier und stand mit Isabelle, die ihn mit bewundernden Augen anblickte, direkt neben Elena. Quirin, der Vincent nur allzu gerne überwältigen würde, sobald ihm ein Fehler unterlief und seine Tarnung aufflog. Noch ging er als Erik durch. Aber wie lange würde das noch dauern? Als ob Erik sich auf einer Party betrunken und Elena irgendwo in der Ecke hätte stehen lassen.

Nun kam Vincent leicht schwankend auf sie zu und Elena gab sich die allergrößte Mühe, ihn mit wütenden Blicken zu bombardieren. Doch er schien es noch nicht einmal zu bemerken. Breit grinsend streckte er die Arme nach ihr aus und umfasste ihr Gesicht, während er sich eng an sie schmiegte. Ihre Gesichter waren ganz nah beieinander.

„Was tust du da?“, protestierte Elena und versuchte, sich loszuwinden. Sie löste Vincents Hände von ihren Wangen, doch er war stärker und fasste sie um die Taille. Er hielt sie ganz nah.

„Was soll das?“, flüsterte Elena, die nicht wagte, sich weiter zu wehren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.

„Mach mit“, flüsterte Vincent in ihr Ohr. „Quirin beobachtet uns. Lass mich nicht auffliegen.“

Elena hielt still und schmiegte sich an ihn, doch an seine Schulter gelehnt, sodass man ihr Gesicht nicht sehen konnte, murmelte sie: „Wenn du dich nicht idiotisch benommen hättest, wäre niemand misstrauisch!“

„Sorry“, murmelte Vincent. Seine Zunge war schwer.

„Und jetzt bist du betrunken! Was soll uns das bringen?!“, zischte Elena.

„Ich brauchte eine Pause“, murmelte Vincent. Seine Lippen berührten Elenas Ohrläppchen. Sie spürte die Hitze seines Körpers. Ihr lief ein Schauer über den Rücken. Doch war da nicht auch Verlangen? Sie schüttelte das Gefühl ab. Das war nicht sie. Das war Victoria.

„Keine Angst“, sagte Vincent, auf einmal ganz klar. Und Elena spürte, wie sein Körper plötzlich eiskalt wurde, und hart. „Siehst du? Alles unter Kontrolle. Ich schalte es ab, und bin nüchtern. Aber wir sind noch nicht so weit.“

Während er den Griff um sie lockerte, spürte Elena, wie die Wärme in seinen Körper zurückkehrte. Er sah sie an. „Vertrau mir einfach.“

Elena nickte zögerlich.

„Erik! Elena!“, rief da Jess, die mit einer Kamera in der Hand vor ihnen auftauchte. „Ein Foto von euch!“

Sie hielt die Kamera hoch und winkte Elena heran, die sich widerwillig enger an Vincent schmiegte.

„Nicht so steif! Los, Erik, leg den Arm um sie!“, befahl Jess.

Vincent grinste sein diabolisches Grinsen und zog Elena, die sich nicht traute sich zu wehren, an sich heran.

„Was tust du da?“, knurrte sie mit zusammen gebissenen Zähnen.

„Spiel einfach mit“, flüsterte Vincent ihr ins Ohr, ganz und gar nicht widerwillig.

„Und jetzt lächelt verliebt!“, befahl Jess.

Es klickte, blitzte, und entstanden war ein Foto, auf dem Elena und vermeintlich Erik eng umschlungen selig in die Kamera grinsten, so als habe man sie gerade bei etwas Verbotenem erwischt, das aber zu gut war um schlecht zu sein.

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Kapitel 3, Blutige Rache, Teil 2

30 Apr

Und wieder ein Schauplatzwechsel: Heute Elena & Vincent!

 

Elena fluchte, als ihr Augenlid zuckte und der frisch aufgetragene Mascara sofort wieder verschmierte. Was hatte das alles überhaupt für einen Zweck? Wütend funkelte Elena ihr Spiegelbild an und riss sich ein Stück Klopapier ab, und die schwarze Farbe wieder abzuwischen. Warum konnte sie nicht unter der Bettdecke verharren, bis das alles vorüber war, oder wenigstens in Jeans und Turnschuhen die ganze Stadt nach Erik absuchen? Stattdessen stand sie hier auf High Heels und in Röhrenjeans, nur das T-Shirt von Gap ging halbwegs als praktisch durch.

„Wieso tue ich das überhaupt?“, murmelte sie wütend zu sich selbst.

„Weil wir Vic aus der Reserve locken müssen, um an Erik heran zu kommen“, kam Vincents Antwort klar und deutlich aus dem Nebenzimmer.

Entnervt rollte Elena mit den Augen und verschmierte dadurch noch mehr Mascara.

„Verdammt!“, rief sie zornig.

Vincent erschien im Türrahmen. „Wisch das ab und komm endlich“, sagte er ungeduldig, aber nicht unfreundlich. „Du siehst gut aus wie du bist.“

Elena hoffte, dass Vincent nicht sah, wie sie errötete – unwahrscheinlich – und kämmte sich noch einmal rasch durchs Haar. „Fertig“, murmelte sie dann und drückte sich an Vincent vorbei aus dem Bad hinaus und suchte nach ihrer Handtasche.

„Hast du –“, begann sie, doch als sie aufschaute, sah sie, dass die Tasche bereits in Vincents Hand baumelte.

„Schön“, schnaubte sie und riss die Tür auf. „Gehen wir.“

Doch als sie sich umdrehte, war sie allein. Wahrscheinlich hatte er das Haus durchs Fenster verlassen, genau so, wie er vor weniger als dreißig Minuten gekommen war um ihr klar zu machen, dass es absolut unerlässlich war, dass sie heute zu dieser Party bei Isabelle gingen.

„Immer diese überdramatischen Auftritte“, murmelte Elena, während sie nach unten eilte.

Sobald sie aus dem Haus war, bemerkte sie unten auf der Straße eines der schwarzen Londoner Taxis. Davor wartete Vincent auf sie und hielt ihr die Tür auf.

„Wofür brauchen wir ein Taxi?“, zischte Elena, während sie sich an Vincent vorbei auf den Rücksitz drängte. Vincent zwängte sich nach ihr durch die Tür und nahm neben ihr Platz.

„Mir war danach“, erwiderte Vincent. „Und in einem Taxi habe ich dich besser im Blick als in einer U-Bahn voller Menschen.“

Elena warf ihm einen tödlichen Blick zu. Tödlich, wäre er nicht unsterblich gewesen. Dann wandte sie sich von ihm ab, nannte dem Fahrer Isabelles Adresse und der Wagen setzte sich in Bewegung. Nachdem sie einige Zeit schweigend gefahren waren, hielt Elena es nicht mehr aus. Da der Fahrer sein Radio aufgedreht hatte und ihnen keine Beachtung schenkte, begann sie: „Ich verstehe noch immer nicht, wieso wir heute zu dieser Party müssen. Was hat das mit Vic zu tun, oder mit Erik?“

„Vic hat ein Auge auf uns“, flüsterte Vincent. „Sie kann sich wahrscheinlich jederzeit ein ungefähres Bild von dem machen, was du gerade tust, weil du die Verbindung zu ihr nicht im Griff hast.“

„Dann muss die Kette weg!“, flüsterte Elena zurück.

„Auf keinen Fall. Ich bin mir sicher, Vic späht uns noch irgendwie anderweitig aus. Wahrscheinlich hat sie deine Freundin Isabelle unter Kontrolle.“

„Was?“, rief Elena aus und erschreckte den Fahrer. „Sorry“, murmelte sie dann.

Sobald der Fahrer sich wieder dem Verkehr zugewendet hatte, erklärte Vincent, wiederum flüsternd: „Ich habe nachgeforscht, und alles deutet darauf hin. Isabelle steckt sowieso ständig ihre Nase in Dinge, die zu kompliziert für sie sind. Hängt in diesem Pub in Camden rum. Stellt Fragen. Und außerdem wäre es nur logisch. Indem sie Isabelle kontrolliert, würde Vic zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens hat sie jemanden, der ihr über dich berichtet, und zweitens über diesen verfluchten Quirin Rehmer.“ Quirin Rehmer war Isabelles Freund, und ein Vampirjäger. „Wäre doch ein Coup, oder? Damit rechnet er bestimmt nicht.“

Elena machte große Augen. „Woher weiß sie – und du – habe ich dir erzählt, dass Quirin euch auf der Spur ist?“ Elena hatte schon vor einiger Zeit erfahren, dass Quirin sowohl Vincent als auch Victoria jagte, jedoch bisher nicht erfolgreich gewesen war bei seinen Versuchen, zumindest einen der beiden aufzuspüren.

Vincent zuckte mit den Schultern, ließ sich tiefer ins Polster sinken und sah betont gleichgültig aus dem Fenster. „Keine Ahnung. Hast du?“

Elena schwieg. Sie war zu wütend auf ihn gewesen, um ihn zu warnen.

„Na ja, egal“, meinte Vincent. „Ich wusste es sowieso schon. Aber zurück zum Thema.“

„Ja“, wiederholte Elena, die erpicht darauf war, das Thema zu wechseln. „Zurück zum Thema.“

„Ich will, dass Vic denkt, wir suchen nicht nach ihr. Isabelle wird ihr die Information irgendwie zukommen lassen, dass wir auf der Party sind, und sie wird über dich auch erahnen können, dass du dich dort befindest. Außerdem wird Vic sehr leicht eifersüchtig.“

„Aber ich dachte –“

„Dass sie mich nicht liebt, ja. Aber es ist kompliziert. Irgendwann brennt bei ihr eine Sicherung durch, und du wirst wissen, wann das ist.“

„Wie?“, fragte Elena.

„Keine Ahnung“, antwortete Vincent. „Du wirst es einfach wissen. Dann ist es dein Job, mir ein Zeichen zu geben. Und dich abzulenken! Wenn du die ganze Zeit darüber nachdenkst, was der Plan ist, wird Vic ihn in deinen Gedanken lesen können.“

„Wie kann ich nicht an etwas denken, an das ich bereits denke?“, protestierte Elena.

„Überleg dir was “, zischte Vincent ungeduldig. „Und achte darauf, dass Isabelle es nicht bemerkt, wenn ich gehe. Vic darf auf keinen Fall wissen, dass ich nach Erik suche. Und du musst mich bei der Party als Erik ausgeben, sonst könnte es ein Problem mit diesem Vampirjäger Quirin geben.“

„Okay“, sagte Elena und atmete tief durch.

„Wir sind da“, unterbrach da der Fahrer, während er am Straßenrand hielt. Isabelles Haus war hell erleuchtet, die Musik hörte man bis auf die Straße.

Elena stieg aus und ging auf das Haus zu, während Vincent das Taxi bezahlte. Plötzlich tauchte er wie aus dem Nichts neben ihr auf und nahm ihre Hand.

„Nicht vergessen“, murmelte er in ihr Ohr. „Ich bin Erik.“

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