Wir schließen direkt am Ende der letzten Szene an!
Sobald sie im Taxi saßen, ließ Erik sich tief in den Sitz sinken, legte den Kopf auf der Lehne ab und schloss die Augen.
Vincent hoffte, dass Erik soweit in Ordnung war und nannte dem Fahrer Isabelles Adresse. Dann tastete er nach seinem Handy. Schließlich fand er es in der Innentasche seiner Jacke. Er tippte Elenas Nummer und musste nur zwei Freizeichen abwarten, ehe sie abhob.
„Wo ist Vic?“, fragte Vincent sofort.
„Keine Ahnung“, hörte er Elena über den Lärm der Party hinweg schreien. „Hier ist sie nicht, aber ich glaube, sie hat uns durchschaut, sie scheint wütend zu sein.“
Vincent sah, wie Erik bei geschlossenen Augen vor sich hin grinste, als er Elenas Stimme hörte. Wieso mussten diese Teenager immer so schrecklich verliebt sein?
„Vincent, wo ist Erik?“, rief sie nun. „Hast du ihn?“
Doch Vincent hatte schon aufgelegt. „Man darf ihr nichts anvertrauen. Ihr Bewusstsein ist so durchlässig wie ein Sieb“, brummte er, während er sein Handy wieder verstaute. „Bringst du ihr gar nichts bei?“
Doch Erik ignorierte ihn und grinste weiter selig vor sich hin. Vincent schnaubte und wandte sich ab. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend, Erik mit geschlossenen Augen, Vincent nervös aus dem Fenster starrend. Zu gern hätte er gewusst, was Erik jetzt dachte, doch da dieser sein Armband, das sie verband, nicht trug, gab es dazu keine Möglichkeit. Und auch mit Armband hätte es wohl keine gegeben, dachte Vincent frustriert. Das, was Elena so dringend noch zu lernen hatte, beherrschte Erik perfekt: Sich selbst abzuschirmen, sodass er Vincents Gedanken nicht mitbekam, aber auch nichts von sich selbst preisgab. Was gut war, das wusste Vincent. Aber trotzdem manchmal recht ärgerlich.
Schließlich hielt das Taxi vor dem Haus. Die Party schien noch immer in vollem Gange zu sein, und Vincent beugte sich über Erik zum Fenster. Er überlegte. Sie konnten Elena anrufen, sodass sie zu ihnen herauskommen würde. Allerdings bestand dann die Gefahr, dass sie in all dem emotionalen Durcheinander die Kontrolle über ihre Gedanken verlor, was Vic, falls sie sich in der Nähe aufhielt, genug Zeit verschaffen würde, noch rechtzeitig aufzukreuzen. Sie mussten also hineingehen, sich Elena möglichst unbemerkt nähern und ihr schnellstmöglich die Kette abnehmen – die hatte jetzt, wo der Plan erfüllt war, vorerst sowieso keine Funktion mehr. Doch zusammen konnten sie nicht hinein, da konnte er Quirin Rehmer gleich persönlich bitten, ihm einen Holzpfahl ins Herz zu rammen.
„Wir sollten uns nicht trennen“, stellte er schließlich fest. „Aber vor diesem Quirin sollten wir uns wohl kaum gemeinsam zeigen.“
„Ich kann ja im Taxi warten“, meinte Erik, der noch müder wirkte als zuvor. Außerdem hatte die geschwollene Seite seines Gesichts begonnen, eine bläuliche Färbung anzunehmen. Vincent machte sich Sorgen um ihn. Er überlegte kurz. „Nein“, sagte er dann. „Vic ist nicht hier, aber falls sie kommt, solltest du nicht allein hier draußen sein. Du gehst rein und holst Elena.“
„So?“, fragte Erik ungläubig und deutete auf sich selbst. Vincent betrachtete ihn. Sein T-Shirt war voller Blut, und sein Hals auch.
„Zieh meine Jacke an“, sagte er deshalb, während er sie auszog. „Mach den Reißverschluss zu und stell den Kragen hoch.“
Erik tat wie geheißen, blickte dann jedoch verlegen drein. „Wie, äh, sehe ich aus?“, fragte er dann.
Vincent grinste. „Ramponiert“, meinte er dann, „aber sexy.“
Sie kletterten aus dem Taxi, wo Vincent an den Kotflügel gelehnt scheinbar lässig stehen blieb, doch in Wirklichkeit waren all seine Sinne geschärft. Ihm würde nichts entgehen. Er sah Erik nach, der die Stufen zur Haustür hinauf sprang, fast beschwingt. Vincent wusste, dass er Vic auf der Stelle töten würde, falls sie jetzt versuchen würde, ihm irgendetwas zu tun. Und er wusste auch, dass es nicht gut sein konnte, dass er das sogar jetzt noch fühlte, obwohl er eiskalt war, tot, ohne Herzschlag, ganz das Raubtier, das er war. Wenn er am Leben bleiben wollte, musste er hart sein, hart und unabhängig. Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen, sie waren so zerbrechlich. Und doch, während er sah, wie die Tür sich öffnete und Erik verschluckte, als er die Anspannung spürte, die sich seiner bemächtigte, wusste er, dass Erik der Bruder war, den er nie gehabt hatte, oder vielleicht auch einfach nur eine bessere Version von ihm selbst, die ihm zeigte, wer er hätte sein können, wäre er nicht Victoria Cavendish begegnet.
Er wusste, dass er sein eigenes Ich zurückhaben wollte. Doch Erik war der Preis für sein menschliches Leben. Was sollte er nur tun, um sich selbst zu retten?
*****
Sobald Erik drinnen war, sah er sich um. Das Haus war brechend voll, die Musik dröhnte, Menschen tanzten, redeten, sangen, tranken aus Plastikbechern. Es würde schwer genug werden, Elena zu finden, und noch schwerer, das zu schaffen, bevor sie ihn erspähte. Er sah, dass die Treppe, die nach oben führte, als allgemeine Sitzgelegenheit genutzt wurde und dass die Party offensichtlich im Obergeschoss weiterging. Aber es war unwahrscheinlich, dass Elena oben war – sie wusste schließlich, dass sie im Zweifelsfall schnell hier herauskommen mussten.
Direkt im Flur war sie nicht. Und auch in der Küche, in die Erik einen raschen Blick warf, konnte er sie nicht ausmachen. Blieb also nur noch das Wohnzimmer. Vorsichtig schlängelte Erik sich durch ein Grüppchen, das neben der Tür stand und sah hinein. In der Mitte hatte man Sofa und Sessel weggeschoben und eine behelfsmäßige Tanzfläche eingerichtet. Überall am Rand standen Menschen mit Plastikbechern oder Bierflaschen in den Händen und redeten miteinander.
Und da sah er sie: Sie stand in einer Ecke, zusammen mit Jess und Isabelle, das Gesicht ihm zugewandt, hatte ihn aber noch nicht gesehen. Erik spürte, wie eine Welle des Glücks in ihm anstieg, sobald er sie erblickte. Am liebsten wäre er direkt zu ihr gelaufen und hätte sie in die Arme geschlossen, doch er hielt sich zurück. Zuerst musste er sie beide sicher hier wieder heraus bringen.
Um nicht gesehen zu werden, drückte Erik sich hinter mehreren anderen Grüppchen an der Wand entlang, sodass er sich nicht in Elenas Sichtfeld bewegte. Dann schlängelte er sich hinter Isabelles Rücken vorbei, sodass er hinter Elena auftauchte. Sobald er da stand, erblickte ihn Jess, die Elena gegenüber mit der Musik mitwippte.
„Erik!“, rief sie aus. In dem Moment ging alles ganz schnell. Elena fuhr herum, er umfasste sie, so als wollte er sie in die Arme schließen, doch griff er dabei nach der Kette, die sie um den Hals trug und die über ihr T-Shirt gerutscht war, und riss sie ab. Reflexartig fasste Elena an die Stelle, wo der Anhänger einen Moment zuvor noch gelegen hatte, und sah ihn unsicher an. „Ich bin’s“, flüsterte er ihr ins Ohr, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte Jess. Elena drehte sich wieder zu ihren Freundinnen um, während Erik sie weiterhin umklammerte. Er konnte sie ganz einfach nicht mehr loslassen.
„Gestolpert“, murmelte Erik. Isabelle blickte ihn prüfend an. „Oh“, rief sie dann aus, „Da ist Quirin endlich, mit den Getränken!“ Er stand im Türrahmen und blickte suchend umher. Isabelle winkte ihn zu sich. Erik sah einen jungen Mann mit rotem Haar auf sie zukommen. Sie mussten hier weg.
„Wir sind gleich wieder da“, sagte Elena hastig in die Runde, fasste Eriks Hand und zog ihn mit sich. „Quirin darf dich nicht sehen“, raunte sie ihm zu. „Er erkennt den Unterschied.“
Sobald sie außer Sichtweite im Flur waren, schlugen sie sich so schnell sie konnten zur Haustür durch. Erik spürte, wie sein Herz in einer Mischung aus Angst und Glück bis zum Hals schlug.
„Warte“, sagte er, als Elena die Hand auf die Klinke legte.
„Was ist?“, fragte sie mit gerunzelter Stirn. Er zog sie zu sich heran und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Dann küsste er sie.
******
Noch immer lehnte Vincent am Kotflügel des Taxis und wartete. Die Straße war jetzt leer und dunkel; nur vor dem Haus, in dem die Party gut hörbar noch in vollem Gange war, brannte Licht. Obwohl er nur ein T-Shirt trug, da er Erik seine Jacke gegeben hatte, fror er nicht. Ohne auch nur einmal zu blinzeln starrte er auf die Eingangtür, durch die Erik und Elena jeden Moment herauskommen mussten.
Vincent hörte, wie der Taxifahrer, der geduldig wartete, seine Zeitung umblätterte. Für einen winzigen Moment war er abgelenkt. Und da war sie. Vincent war so überrascht, dass er überhaupt nicht reagierte. Vor ihm, kaum einen halben Meter entfernt, stand Vic. Sie war wie aus dem Nichts aufgetaucht, und sie wirkte wie eine Erscheinung, wie ein Produkt seiner Fantasie. Sie wirkte so klein und verletzlich, wie er sie seit 1756 nicht mehr gesehen hatte. Ihr Haar fiel ihr offen über die Schultern und umrahmte ihr
Gesicht. Sie trug kein Make-up und nichts als verwaschene Jeans und ein Blümchen-Unterhemd. Ihre nackten Füße steckten in abgetragenen Ballerinas und die Tatsache, dass sich auf ihren nackten Armen bereits eine Gänsehaut gebildet hatte, verriet, dass sie heute Nacht ihrer Menschlichkeit nachgegeben hatte. Ihre großen, grauen Augen blickten ihn durchdringend an.
„Du weißt, dass ich ihm nichts getan hätte, oder?“, fragte sie. Und als er noch immer nicht reagierte, sondern sie nur anstarrte mit Augen kalt wie Granit, fügte sie hinzu, fast flehentlich: „Dass ich dir niemals, niemals wehtun würde?“
Vincent spürte, dass er ihr glauben wollte, um jeden Preis, dass er das Gefühl zulassen wollte. Doch irgendwo in seinem Hirn kam die Erkenntnis zutage, dass es sich hierbei wahrscheinlich um einen neuen Trick handelte, und dass sie ihn töten würde, sobald er zuließ, dass sein Panzer aus Gefühllosigkeit geknackt wurde. Voller Panik registrierte er, dass die Kontrolle ihm zu entgleiten drohte und die Härte begann, sich aufzulösen. Er kämpfte dagegen an, während Vic ihn weiter unverwandt anstarrte. Sie hatte es bemerkt. Sie wusste, dass er verwundbar war. Sie würde ihn töten, hier und jetzt.
Doch etwas anderes geschah: Vic verschwand genauso plötzlich ins Nichts, wie sie kurz zuvor erschienen war.
Schlagworte: abenteuer, elena, erik, fantasy, fiction, heartbreak, jugendbuch, liebe, london, mythos, vampir, vampire, victoria, vincent






